Der Gardasee ist bei Transalp Touren aus Deutschland so etwas wie ein Klassiker-Ziel. Gerade bei einer selbst organisierten Tour ist er attraktiv, da ab Verona, Rovereto oder Brixen die Möglichkeit besteht, mit einem Eurocity Zug zurück nach Deutschland zu kommen.

Wir starteten dieses Mal am Bodensee (Anfahrt aus München per Zug) und durchquerten während dieser 5-tägigen Tour insgesamt 4 Länder & 15 Pässe auf 580 Kilometer Länge und sammelten dabei 12.000 Höhenmeter. Das Wetter zu Anfang Juli war uns diesmal wohlwollend gestimmt, sodass wir vereinzelt nur mit großer Hitze zu kämpfen hatten. Kleinste Nieselschauer waren dadurch sehr willkommen. Wir waren mit 3 Rennrädern und einem Gravel-Bike unterwegs. 95% der Strecke sind asphaltiert, der Rest sind Schotter- oder Kieswege, die sich insbesondere am Passo della Spina nicht vermeiden lassen. Bei umsichtiger Fahrweise sind aber auch diese unbefestigten Abschnitte mit einem Rennrad gut zu bewältigen.

Unsere Sachen fanden wieder ihren Platz in einer Bikepacking-Satteltasche und bereits im Voraus buchten wir unsere Unterkünfte. Wer nicht so recht weiß was er alles mitnehmen soll, findet in einem früheren Beitrag von mir eine recht übersichtliche Packliste.

Tag 1

Der erste Tag ist hinsichtliche Länge mit 154 Kilometern und knapp 3.000 Höhenmeter einer der härteren. Von Lindau am Bodensee geht es durch das Fürstentum Liechtenstein, hinein in die Schweiz und am Ende das Tages auf den Albulapass hinauf.

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Luzisteig

Zur Aufwärmung vor den kommenden beiden Pässen an diesem Tag dient der Luzisteig. Dieser leichte und mit 250 Höhenmetern flache Pass, führt durch die Festung St. Luzisteig, einer ehemaligen Verteidigungsstellung der Schweizer Armee. Die flache Auf- und Abfahrt ist sehr verkehrsarm und relativ schnell wieder vergessen. Also nichts wie weiter zum Lenzerheidepass.

Lenzerheidepass

Die Lenzerheide und der gleichnamige Pass wird uns etwas länger im Gedächtnis bleiben. Allerdings mit einem negativen Beigeschmack, denn die Auffahrt ab Chur ist zwar landschaftlich reizvoll allerdings auch sehr verkehrsreich. So brausen fast im Sekundentakt Autos und Motorräder an uns vorbei. Eine derart hohe Verkehrsbelastung haben wir auf keinem der restlichen Pässe erlebt. Die fast 900 Höhenmeter ziehen sich so in die Länge und am Pass angekommen freut man sich umso mehr auf die Abfahrt nach Tiefencastel.

Albulapass

Letzter und schwierigster Pass am ersten Tag ist der Albula. Auf 21 Kilometer Länge radeln wir 1.300 Höhenmeter empor und befinden uns am Ende der Auffahrt im kargen Hochgebirge auf 2.315 Metern Höhe. Bis dorthin begleitet uns die Rhätische Bahn und beeindruckt mit ihrer Vielzahl an Tunnel- und Brückenbauwerken. Der Albulapass hat keine Transitbedeutung und wird daher nur von Touristen frequentiert. Da wir schon relativ spät am Abend mit der Auffahrt beginnen, haben wir die Straße fast für uns alleine und können die beeindruckende Landschaft umso besser auf uns wirken lassen. Das Albula Hospitz direkt am Pass gelegen dient uns in dieser Nacht als Unterkunft.

Tag 2

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Nach einer ruhigen Nacht auf dem Albulapass, führt uns der heutige Tag von der Region Graubünden in die Lombardei. Nach dem Berninapass verlassen wir die Schweiz und bezwingen am frühen Abend den legendären Mortirolo. 125 Kilometer und 2.300 Höhenmeter stehen heute auf dem Programm.

Berninapass

In aller Frühe verlassen wir den Albula und fahren ins Inntal hinab. Da meine Vorderrad-Bremse streikt, wird ein kurzer Stop bei einem Fahrrad-Händler nötig. Dank Reparatur kann nun der Bernina in Angriff genommen werden, von welchem uns dann eine Abfahrt über 1.900 Höhenmeter erwartet und die Bremsen unbedingt funktionieren sollten.

Da wir vom Vortag noch einige Höhenmeter auf dem Guthaben-Konto haben, brauchen wir über die Nordwestanfahrt lediglich 600 Höhenmeter bis zum Pass zu überwinden. Auch hier begleitet uns wieder ein Stück die Rhätische Bahn. Ebenso bietet sich während der Auffahrt ein guter Blick auf den Morteratschgletscher. Über breite und gut ausgebaute Straßen geht es größtenteils recht flach durch wunderschönste Schweizerische Landschaft empor. Steigungen über 10% wird man hier nicht finden. Die folgende Abfahrt an deren Ende wir die Schweiz verlassen und Italien betreten, hat es in sich. Fast 33 Kilometer lang geht es nur bergab. Lediglich am Lago di Poschiavo muss man kurz einmal in die Pedale treten.

Passo del Mortirolo

In Italien angekommen steht uns schon die nächste Herausforderung bevor. Der Passo del Mortirolo mit der schweren Nordrampe von Mazzo. Als Teil der Königsetappe beim Giro d’Italia 2019 dürfte der Mortirolo nun etwas bekannter sein und so wurden teils auch neue Beschilderungen v.a. im Passbereich angebracht. Ab Mazzo gilt es aber erst einmal 1.300 Höhenmeter auf nur 12 Kilometer Länge zu überwinden. Die Straße ist dabei relativ eng und führt über etliche Kurven durch teils bewaldetes, teils von Wiesen durchzogenes Gelände. Der Verkehr hielt sich auch hier in Grenzen, sodass zeitweise ein einsames, in sich versunkenes Pedalieren zelebriert werden kann.

Passo di Guspessa

Über den Mortirolo ist nach Westen hin auf einer Panormastraße der Passo di Guspessa zu erreichen. Dieser besticht weniger durch Steigungen oder Höhenmeter als mit einer Landschaftlichen Offenbarung. Diese Höhenstraße welche uns zu unserer heutigen Unterkunft in Aprica bringt, ist so einsam und abgelegen, dass wir hier keiner Menschenseele begegnet sind.

Tag 3

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Der Tag 3 führt uns in den östlichen Teil der Bergamasker Alpen. 100 Kilomter und 2.300 Höhenmeter erwarten uns heute, sowie eine der schönsten Passauffahrten während dieser Transalp.

Passo del Vivione

Bei Quäldich heißt es zum Passo del Vivione „einsames Genussradeln in reinster Form“. Und genauso kann man es auch stehen lassen. Die Nordostauffahrt war glücklichweise für Autos geschlossen, wobei wir uns nicht erklären könnten, wie diese im oberen Teil der Straße überhaupt voran kämen. Die Straße ist dort über weite Teile so eng und keine Ausweichmöglichkeiten vorhanden, dass entgegenkommende Autos sich gegenseitig blockieren würden. Uns egal, mit dem Rad kommt man überall vorbei. Und so genossen wir die 20 Kilometer Auffahrt zum Vivione in vollen Zügen. Oben angekommen ist die Straße auf der anderen Seite zwar freigegeben, aber ebenso eng und kurvig. So ist es nicht verwunderlich, dass sich am Pass vorrangig Radler und Biker tummeln. Die Abfahrt vom Vivione ist mindestens ebenso ein Genuss wie die Auffahrt.

Passo della Presolana

Die Ostauffahrt über welche wir den Passo della Presolana erreichen, wird zwar als die schönere beschrieben, ich finde beide aber nicht sonderlich attraktiv. Die Umgebung ist zwar grandios, allerdings ist dieser Pass vom Transitverkehr nicht verschont. Die Passhöhe wirkt zudem wenig attraktiv. Bei der Abfahrt durch zahlreiche Dörfer muss immer der Verkehr und die teils sehr schlechte Straße im Auge behalten werden.

Bossico

Letzter Pass an diesem Tag ist der Bossico, benannt nach dem gleichnamigen Ort, der einige hundert Meter über dem Lago d´Iseo liegt. Auf 6 Kilometern müssen nochmal 400 Höhenmeter überwunden werden. Die Straße ist in einem guten Zustand und der Verkehr in die kleine Ortschaft hält sich stark in Grenzen. Dank der Höhe ist es an diesem heißen Tag in Bossico etwas kühler als im Tal und man wird zusätzlich mit einem schönen Blick auf den Lago d`Iseo belohnt.

Tag 4

Der vorletzte Tag hält gleich 4 Pässe und so einige „Offroad-„Überraschungen bereit, die sich aber auch mit etwas Mut auf einem Rennrad bewältigen lassen. Wert sind sie es auf alle Fälle! Dies macht dann nochmal 125 Kilometer und 2.900 Höhenmeter.

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Colle San Zeno

Nachdem wir von Bossico abgefahren sind und den Lago d´Iseo hinter uns gelassen haben, geht es dem ersten Pass entgegen, dem Colle San Zeno. Dieser unbekannte, ruhige, kleine aber doch reizvolle Pass steigt über die Dauer sehr gleichmäßig an. Landschaftliche Highlights sucht man hier vergebens, da es größtenteils durch Almenlandschaften hindurch geht und der Blick nur sanfte Hügel einfängt. Deutlich spannender werden dafür die beiden folgenden Pässe.

Passo del Maniva

Zum Beginn der Auffahrt des Passo del Maniva geht es nur seicht bergan in einem teils sehr engen Tal. Schnell genug wird es aber steiler und abgeschiedener. Trotz dessen ist auch der Maniva gerade bei Motorradfahrern sehr beliebt. Den Pass erreicht, bietet sich ein schöner Blick in das soeben hinter uns gelassene Val Trompia. Der Passbereich erinnerte mich ein bisschen an den Stelvio mit seinem bunten Treiben. Aber da wir das nicht gesucht hatten, mussten wir einen Weg finden um dem Trouble zu entkommen. Auf zum Passo della Spina!

Passo della Spina

Der Passo della Spina ist kein Pass im eigentlichen Sinne, wenn man ihn vom Maniva her erreicht. Aus dieser Richtung gleicht der Pass eher einer Höhenstraße, die es aber in sich hat. Bereits vom Maniva abzweigend folgt ein erstes problemloses Schotterstück, bevor es auf Teer, gefährlich nah am Abgrund weitergeht. Schnell ist ein Almengebiet erreicht, dass sobald durchquert, unerwartet zu einem schroffen Felsengebiet führt. Hier endet dann abermals der Teerbelag und ein teils sehr grober Kies- und Schotterweg beginnt. Dieser zieht sich etwa 1,5 Kilometer auf einem Bergrücken entlang, durch 2 Tunnel und einigen Kehren hindurch. An einigen Stellen empfiehlt es sich das Rennrad vielleicht zu schieben, aber dies sollte einen nicht davon abhalten diese Straße zu befahren. Der Ausblick und die Umgebung sind einfach zu einmalig um es sich entgehen zu lassen. Und wegen des Straßenzustandes trifft man hier, wenn überhaupt, nur einige mutige Motorradfahrer und Mountainbiker an. Die Abfahrt zum Lago D´Idro gleicht dann wieder einem Traum. Unendlich viele Kurven und kaum Autos, Motorräder oder anderen Personen denen man begegnet.

Passo d’Ámpola

Zwischen dem Lago D´Idro und dem Gardasee (unser Ziel am nächsten Tag) liegt noch der Lago di Ledro. Um zu diesem zu gelangen liegt noch der Passo d’Ámpola im Weg. Dieser kleine und feine Pass führt uns durch ein enges Tal an den heutigen Zielort Bezzecca hinauf. Mit zusätzlichen 350 Höhenmeter ist er an diesem Tag fast nicht mehr erwähnenswert, zumal die Passhöhe unscheinbar in einem Hochtal liegt.

Tag 5

Das Finale! Heute geht es nach Hause, beziehungsweise erstmal zum Zug nach Rovereto. Bis dahin sind es aber noch 65 Kilometer und weitere 1.300 Höhenmeter. Auf unserem Weg liegen außerdem noch ein paar touristische Highlights. Zuerst der Lago di Ledro, dann die Ponalestraße (die sich mit Vorsicht auch problemlos mit einem Rennrad fahren lässt), der Gardasee und Riva del Garda. Im Anschluss warten dann die letzten beiden Pässe auf uns, welche letztmalig in den 90er Jahre vom Giro befahren wurden.

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Passo Santa Barbara

Von Arco aus erklimmen wir den Passo Santa Barbara auf 13 Kilometer Länge und überwinden dabei nochmal 1.000 Höhenmeter. Dabei öffnen sich immer wieder Blicke auf das Sarca-Tal und den Gardasee. Die Straße ist in einem guten Zustand und nennenswerten Verkehr gibt es hier auch nicht. Die Passhöhe befindet sich in einem Almengebiet und führt uns weiter zum nächsten Pass.

Passo Bordala

Nur wenige Kilometer vom Passo Santa Barbara befindet sich der 100 Meter höhere Passo Bordala. Er stellt den 15. und damit letzten Pass unserer Transalp-Tour dar, bevor es rasant ins Tal hinab nach Rovereto geht.

Fazit

Auch nach meiner 3. Transalp und 4. Mehrtagestour in den Alpen samt eigenem Gepäcktransport, erstaunt es mich jedes Mal aufs Neue, wie viele unterschiedliche Regionen es in den Alpen gibt. Kaum ist man ein Alpental weiter, schaut alles schon wieder komplett anders aus. Diese 5-Tages Tour wird somit nicht die letzte gewesen sein. Die gesammelten Eindrücke auf so einer „Selbst-Organisierer“ aka „Bikepacking“-Tour sind wohl ungleich größer als bei komplett organisierten Ausfahrten. Insofern kann ich nur jedem wärmstens empfehlen, diese Abenteuer einmal auszuprobieren. Unterkünfte und Zugfahrten im voraus buchen, schon kann fast nichts mehr schief gehen. Und das wichtigste, immer vorsichtig und umsichtig fahren und am besten Mitstreiter finden, die vom Fahrstil, Kondition und Rücksichtnahme her ähnlich ticken. In diesem Sinne nochmals herzlichen Dank an meine Mitfahrer: Markus, Ingo und Harald! Ohne euch wäre die Tour nur halb so schön gewesen!

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