Es ist geschafft! Nach einem Jahr der gewissenhaften Datensammlung zwischen dem 01. Juni 2016 und dem 30. Mai 2017, habe ich meine persönliche Verspätungsanalyse der S- und U-Bahn München vollendet. Mit großem Stolz möchte ich hier die Ergebnisse präsentieren, welche teilweise den offiziellen Daten der Münchner Verkehrsgesellschaft mbH (MVG) und der S-Bahn München deutlich widersprechen.

Wer sich für den Auslöser dieser Daten-Sammelei interessiert, wird in diesem Beitrag fündig.

Achtung, jetzt wird es erstmal etwas trocken um auch den Statistikern gerecht zu werden! Soll keiner sagen, meine erhobenen Daten hätten nicht Hand und Fuß. Wer sich nicht für die genaue Mess-Methode interessiert, sollte schnell weiter scrollen.

Mess-Methode

Bevor die Erfassung starten konnte, stellte sich mir die Frage: Was genau sind Verspätungen und wie werden sie am besten erfasst?

Denn die S-Bahn München arbeitet auch mit Tricks, um Ihre Zahlen zu schönen. So ist es mir schon öfters passiert, dass eine S-Bahn an kleineren Stationen nicht anhält und dadurch vorherige Verspätungen wieder aufholen kann. Für den Fahrgast ärgerlich, für die jeweilige Verspätungs-Statistik gut. Um diese Verspätungen auch zu erfassen, habe ich mich strikt an die Fahrpläne der U- und S-Bahnen gehalten.

Als Verspätungen wurden somit alle vom regulären Fahrplan abweichenden Abfahrts- oder Ankunftszeiten erfasst. Wenn eine Bahn pünktlich abfuhr, dann aber trotzdem 5 Minuten später am Ziel ankam, wurde diese Zeit als Verspätung notiert. Umgekehrt, wenn eine Bahn nicht pünktlich abfuhr, dann aber durch weglassen von Zwischenhalten doch noch pünktlich ankam, wurde die anfänglich verspätete Abfahrt auch erfasst.

Da ich auf der erfassten Strecke täglich zweimal umsteige, wurden durch vorher aufgetretene Verspätungen auch Anschluss-Züge verpasst. Die dadurch erfolgte Verspätung wurde nicht betrachtet, sondern nur die unmittelbar pro Bahn angefallene Verspätung.

Verspätungen von unter einer Minute Abweichung wurden nicht erfasst. Wenn ein Komplett-Ausfall der Verbindung eintrat und ich auf alternative Verbindungen zurück greifen musste, wurde ebenso die Zeit der verspäteten Ankunft am Zielbahnhof ermittelt.

Strecke

Als „Test-Strecke“ diente mein täglicher Arbeitsweg. Dieser beginnt an der S-Bahn Haltestelle Gronsdorf mit der S4/S6 bis zum Marienplatz. Dort steige ich in die U6 um, und am Nordfriedhof wieder aus. Am Abend erfolgte die Rückfahrt in umgekehrter Richtung.

Die tägliche Fahrtzeit beträgt 64 Minuten (32 Minuten je Hin- und Rückfahrt) und die hauptsächlichen Nutzungstage waren Montag bis Freitag gegen 7 Uhr für die Hinfahrt und ca. 17:15 Uhr für die Rückfahrt.

Auswertung

Nun aber genug der Erklärungen und her mit der Auswertung und Statistik! Die vollständigen Daten können hier eingesehen werden.

In Summe bin ich von 365 Tagen im Jahr, an 221 Tagen mit der S- und U-Bahn gefahren. Dies waren 884 Einzelfahrten, von denen 115 eine Verspätung aufwiesen. Damit war fast jede 8. Fahrt verspätet und fast 40% aller Fahrten hatten eine Verspätung von mehr als 5 Minuten. Die längste einzelne Verspätung betrug dabei 1 Stunde und 26 Minuten.

 

Fahrten insgesamt: 884
Fahrten ohne Verspätung: 769
Fahrten mit Verspätung: 115
> 5 Minuten Verspätung: 69
> 15 Minuten Verspätung: 10
> 30 Minuten Verspätung: 4
Verspätung aller x Fahrten: 7,69
Höchste Verspätung 01:26 h

S-Bahn

Noch interessanter wird das ganze aber, wenn man es nach S- und U-Bahn Fahrten aufteilt. So hier geschehen. Mit 442 Fahrten auf der Linie S4/S6 entfällt genau die Hälfte auf die S-Bahn, wo es 44 Fahrten mit Verspätungen gab. Dies entspricht einer Pünktlichkeits-Quote von 90,05%. Somit ist jede 10. Fahrt verspätet gewesen.

Stellt man hier die offizielle Statistik der Bahn entgegen (die SZ berichtete), sollen 96,4% der S-Bahnen pünktlich sein. Wer sich den SZ-Artikel durchliest wird schnell feststellen, mit welchen Tricks die DB auf diesen hohen Wert kommt. Mit der Realität haben diese Zahlen nur leider herzlich wenig zu tun.

 

Fahrten S-Bahn: 442
Fahrten ohne Verspätung: 398
Fahrten mit Verspätung: 44
> 5 Minuten Verspätung: 33
> 15 Minuten Verspätung: 6
> 30 Minuten Verspätung: 3
Verspätung aller x Fahrten: 10,05
Höchste Verspätung 01:26 h
Zu wieviel % pünktlich 90,05

U-Bahn

Noch schlechter als bei der S-Bahn München, sieht es bei der U-Bahn München aus. Von den 442 Fahrten auf der Linie U6, hatten 71 eine Verspätung. Der Großteil lag zwar im Bereich zwischen 5 und 15 Minuten Verspätung, dafür war aber jede 6. Fahrt verspätet. Dies entspricht einer Pünktlichkeit von 83,94%. Ein Wert, der satte 10% von den Angaben der MVG abweicht (MVG Pünktlichkeitswerte).

 

Fahrten U-Bahn 442
Fahrten ohne Verspätung: 371
Fahrten mit Verspätung: 71
> 5 Minuten Verspätung: 36
> 15 Minuten Verspätung: 4
> 30 Minuten Verspätung: 1
Verspätung aller x Fahrten: 6,23
Höchste Verspätung 00:52
Zu wieviel % pünktlich 83,94

 

Fasst man die einzelnen Verspätungen nun zusammen, kommt man übers Jahr gesehen auf einen Wert von 15 Stunden und 55 Minuten, welche die S- und U-Bahnen München zu spät kamen. Knapp 2 zusätzliche Arbeitstage die mir die DB und MVG geklaut haben (indirekt zumindest). Danke aber! Und hier sind noch nicht die Verspätungen hinzu gezählt, welche ich aufgrund des Verpassens einer Anschlussverbindung zu spät ankam und länger warten musste.

Was einem zusätzlich beim betrachten der Tabelle ins Auge fällt ist die Tatsache, dass 80% aller Verspätung in der zweiten Tageshälfte auftreten, auf dem Heimweg. Wodurch dies bedingt ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Früh morgens sind die Züge zumindest genauso voll wie abends. Vielleicht liegt es aber auch an der nachlassenden Konzentration der Fahrer im Laufe des Tages? Oder die Technik möchte einfach lieber am Nachmittag ausfallen, weil sie am Morgen noch zu müde ist? Erklärungen sind gern willkommen.

Fazit

Für eine so wohlhabende und von Autos verstopfte Stadt wie München, ist es ein Unding, dass die öffentlichen Verkehrsmittel regelmäßig Verspätungen produzieren. Eine zweite Stammstrecke wird bei den immer voller werdenden Zügen, wenn überhaupt, erst in einem Jahrzehnt etwas Verbesserung schaffen. Wobei dann immer noch viele Pendler erst in das Stadtzentrum müssen, um von da aus zu ihren Zielen zu gelangen.

Es gibt fast keine schnelle Möglichkeit das Zentrum zu umfahren, so wie es eine Ringbahn ermöglichen würde. Im Falle von Problemen auf der Stammstrecke würde es damit auch eine Möglichkeit geben, diese großräumig zu umfahren. Die an der meines Erachtens Realität vorbei geplante (2.) Stammstrecke halte ich für eine der Hauptursachen der Verspätungen. Steckt dort ein Zug fest, geht auf der gesamten S-Bahn Strecke erstmal gar nichts mehr.

Umso ärgerlicher ist es auch, dass die S-Bahn Betreiber Ihre Statistik schönen müssen. Ganz zu schweigen von der täglich chronisch verstopften U6 die seit langem schon an Ihrer Kapazitätsgrenze angekommen ist. Ich frage mich allen ernstes, wie lang dies noch gut geht. Wie Sardinen in einer Konservendose quetschen sich die Menschen täglich in die U6 und fast keiner meckert. Im Gegenteil, oftmals wird man noch von den U-Bahn Fahrern angemault. Aber wem erzähle ich dies, den meisten Münchner Pendlern dürfte all dies bekannt vorkommen.

Ich fahre seit nun mehr fast 7 Jahren täglich diese Strecke und nach dieser Zeit wage ich behaupten zu können, dass ich keine Verbesserungen im Münchner ÖPNV System beobachten konnte. Was ich aber mit Sicherheit weiß ist, dass bald wieder eine Fahrpreiserhöhung ansteht.