Vor nicht einmal 48 Stunden stand ich noch mit meinen 3 Teamkollegen, Hans, Ingo und Markus vom Team Bavarian Bohemians ehrfurchtsvoll am Gipfel-Parkplatz des Jeschken´s auf knapp 1000 Meter Höhe. Wir suchten Schutz vor einem aufziehenden Regenschauer der den Tag zur Nacht machte, als plötzlich neben uns ein Blitz einschlug und er durch die Steckdose des nahen Kiosks seinen Weg zum Boden suchte. Doch zurück auf Anfang, was haben wir dort oben überhaupt gesucht?

Natürlich nur eines, Prestige! Wir hatten uns auf das Unterfangen eingelassen, als eines von 25 Teams beim Rapha Prestige Bohemia 2016 zu starten. Einer fast 200 Kilometer langen Rennrad-Tour bzw. Brevet durch die Sächsisch-Böhmische Schweiz (eigentlich Elbsandsteingebirge), das Lausitzer/Zittauer Gebirge, bis zum Jeschkengebirge und dessen höchsten Erhebung dem Jeschken mit 1.012 Meter Höhe. Mitte Mai bekamen wir die Zusage zur Teilnahme und als ehemaliger sächsischer Schweizer war es für mich eine besondere Freude die alte Heimat per Rennrad zu erkunden. Viele Orte der Tour kannte ich schon aus meiner Kindheit durch gemeinsame Unternehmungen mit meinen Eltern, doch heuer sollte ich sie von einer neuen Seite kennen lernen.

Ganz im Stile der Rapha Prestige Serie verläuft dabei ein Teil der Route nicht über Asphalt, sondern es ist mit Wegen zu rechnen, die sonst eher dem Crosser oder Mountainbike vorenthalten sind. Wenig befahrene Straßen mit zweifelhaftem Belag sind dann auch eher die Regel als die Ausnahme. Unterwegs ist man zudem auf sich alleine gestellt, wodurch es gilt sich als Team gut vorzubereiten. Nur im Start/Ziel-Bereich und auf der Hälfte der Strecke auf dem Jeschken trifft man kurz auf Rapha.

Ihr findet zwar den Track am Ende des Beitrages und er ist auch als Rennrad-tauglich klassifiziert, doch wie Ihr sehen werdet stimmt nicht ganz. Es gibt unzählige Abschnitte wo man nur zu Fuß weiter kommt! Geschätzte 10% der Strecke sind nur mit einem Crosser oder Mountainbike ordentlich zu befahren. Den Renner wird man also ungewollt tragen oder schieben müssen.

Auf zur Rapha Prestige Bohemia

Als wir am Samstag Morgen aufwachten, hatte es in der Nacht schon etwas geregnet und die Straßen waren teils noch nass. Ein erster Blick auf den Wetterbericht ließ aber sofort Hoffnung aufkommen, denn erst ab dem späteren Nachmittag sollten die nächsten Gewitter und Regenschauer aufziehen. In Schmilka begrüßte uns dann auch schon die Sonne bei noch angenehmen 18 Grad. Im 2-minütigen Abstand gingen die 25 Teams mit je 4 Fahrern an den Start und wir wurden wie geplant als eines der letzten Teams um 8:10 Uhr auf die Strecke entlassen.

Von Schmilka aus erreichten wir nach wenigen Minuten schon die tschechische Grenze und ab Hrensko verließen wir das Elbtal um in die Böhmische Schweiz abzubiegen. Nach einigen Kilometern stießen wir kurz nach Mezni Louka schon auf die versprochenen „less traveled roads“ aus der Rapha Tourenbeschreibung. Über noch nasse Forstwege führte uns die Route durch mir bislang unbekanntes Terrain, vorbei an Felsnadeln und durch nasse Gründe mit gut wasserbefüllten Schlaglöchern, welche man besser nur im Schritttempo umfuhr. Wie noch oft während der gesamten Tour änderte sich der Untergrund abrupt. Weiter ging es dann erstmal auf frisch geteerter Straße bis nach Kreibitz.

Auf den weiteren Kilometern spendierte uns Rapha besten Asphalt, bis uns nach dem Ort Neuhütte am Friedrichsberg die Realität wieder einholte. Einen größeren Unterschied zur Teerstraße konnte es fast nicht geben. Faustgroße, scharfe Basalt- oder Granitsteine waren nun für uns bestimmt und säumten den Weg. Anfang ging es noch ein wenig bergauf, sodass auch die mittlerweile anderen anwesenden Teams recht langsam fuhren, doch nach wenigen hundert Metern folgte eine Abfahrt und entweder ist einigen Fahrern die Wirkung von spitzen Steinkanten auf dünne Rennradreifen nicht bekannt oder es gab Übungsbedarf im Reifen flicken. Am unteren Teil der Abfahrt sammelten sich links und rechts jedenfalls zahlreiche Mitstreiter mit platten Reifen und Schläuchen. Vorbei an der Hammer-Talsperre war dieses 4 Kilometer lange, sehr ungemütliche Stück Weg recht bald zu Ende und wiedermal schloss sich Asphalt an, der zwar zunehmend schlechter wurde und nur noch aus geflickten Löchern zu bestehen schien, einem den vorherigen Weg aber trotzdem wieder schnell vergessen ließ.

Derweil rückte auch das Lausitzer Gebirge näher und für einen kurzen Moment statteten wir Deutschland abermals einen Besuch ab. Um den Hochwald herum ging es nach Lückendorf, von wo aus wir das erste mal am Horizont unser nächstes großes Ziel erspähen konnten, den Jeschken mit seinem markanten bebauten Gipfel und dem Fernsehturm. Bis zum Ort Kriesdorf, am Fuße des Jeschken gelegen, verlief die Strecke dann auch weitestgehend ruhig über unzählige Dörfer mit mal besseren und mal schlechteren Straßen. Kurze Abschnitte über Feldwege hatten mittlerweile auch Ihre Abschreckung uns gegenüber verloren. Auf 23, 25 und 28 mm „breiten“ Reifen hatte bisher niemand aus unserem Team mit Schäden zu kämpfen (was glücklicherweise auch bis zum Ende des Tages so bleiben sollte!).

Ab auf den Jeschken!

Ob wohl wir seit Schmilka beständig an Höhe gewonnen hatten, beginnt erst ab Kriesdorf der eigentliche Aufstieg zum Jeschken, an dessem Ende wir auf knapp über 1.000 Meter Höhe ankommen. Doch bevor es soweit war, mussten die 600 Meter Höhendifferenz auf knapp 10 Kilometer Strecke bewältigt werden. Die Straße führt bis ganz auf das Gipfelplateau und ist größtenteils in gutem Zustand. Nur die ersten 4 Kilometer weisen die üblichen Flicken und Löcher der tschechischen Landstraßen auf. Der Anstieg ist recht moderat und übersteigt nur an wenigen Stellen die 10% Marke. Mehrere Serpentinen lassen einen derweil vergessen, dass man sich in einem Mittelgebirge und nicht in den Alpen befindet. Die besten schaffen es in 30 Minuten, ich habe 43 Minuten bis ganz nach oben gebraucht. Hinter dem letzten Parkplatz eröffnet sich dann über den Wald heraus auch ein sagenhafter Ausblick auf die Umgebung. Da der Jeschken im weiteren Umkreis der höchste Berg ist, kann man rundum bis weit ins tschechische Land und sogar zurück bis nach Sachsen schauen.

Aufgrund der Seilbahn am Gipfel und der guten Erreichbarkeit durch die Parkplätze im oberen drittel des Berges, ist er allerdings häufig überlaufen. Uns fiel sofort die Gemeinsamkeit (auch wegen der starken Bebauung) zum Wendelstein in den bayrischen Voralpen auf.

Nach 59 Minuten Fahrtzeit erreicht schließlich auch der letzte aus unserem Team den Gipfel. Am Fuße hatten wir bereits am Horizont eine bedrohlich dunkle Unwetterfront ausgemacht und so entschieden wir uns eigentlich für eine zügige Abfahrt. Nur noch fix am oberen Parkplatz den Nachweis-Stempel von Rapha abholen und ab in´s Tal…soweit der Plan. In der Realität brauchte es keine 5 Minuten bevor der ganze Berg im dichten Wolkenmeer verschwand und uns Blitz, Donner, Hagel und Starkregen um die Ohren flog. Fast 1 Stunde verharrten wir nun hier oben, bevor eine Abfahrt auf klitschnasser Fahrbahn ins Tal möglich war.

Rückfahrt

Nach Kriesdorf erfolgte die Abfahrt auf der gleichen Straße die wir zuvor empor gestrampelt waren. Nun allerdings bei leichtem Nieselregen und mindestens 10 Grad kälter.

Bis Deutsch Pankraz noch auf festem Untergrund unterwegs, kamen wir nun über Feldwege zum Gebiet der Elefantensteine und fanden uns schließlich das Rad auf dem Rücken tragend vor. Es ging auf mehr oder minder vorhandenen Waldwegen weiter, die aufgrund des Regens für unsere Bremsen zur Tortour wurden. Nasse Nadeln und Laub vom Untergrund setzte die Bremsen derart zu, dass selbst Schiebepassagen nicht einfach zu absolvieren waren. Huckepack war dann oft die bessere Wahl.

Hier kamen uns dann die ersten Zweifel, ob auch alle anderen Teams diese Strecken gewählt hatten. Denn oft genug verlief parallel zu den Wald- und Feldwegen eine befahrbare Straße und auf den ungemütlichen Passagen waren auffallend wenige Rennrad-Spuren zu vernehmen. Da wir auf dem Jeschken eine Stunde warten mussten (und viele Teams noch gerade vor dem Unwetter die Abfahrt wagten), waren nur noch 2 Teams sicher hinter und eines knapp vor uns. Theoretisch sollten also 23 Teams vor uns für reichlich Bewegung im Waldboden gesorgt haben. Praktisch sah dies aber anders aus.

In voller Motivation die Strecke wie vorgegeben zu bewältigen, näherten wir uns dem 3. Land an diesem Tage, Polen. In Kopaczow übertraten wir die Grenze und verließen Polen einige Kilometer später schon wieder als wir nach Zittau gelangten. An der Lausitzer Neiße zog derweil auf der anderen Flussseite das Dreiländereck von Deutschland, Tschechien & Polen an uns vorbei.

An der äußeren Grenze des Zittauer Gebirges ging es zügig auf Teer voran um nach nur 10 Kilometern abermals Tschechischen Boden zu betreten. An dieser Stelle noch ein großes Kompliment nach Olbersdorf wo ein öffentliches WC existiert, auf dessen Wasser wir es abgesehen hatten (unsere eigenen Vorräte gingen auch aufgrund der andauernden Reinigung der Bremsen zur Neige) und welches gefühlt das einzige auf der ganzen Tour war. Bis nach Krasna Lipa wechselte der Untergrund sich wieder so oft ab wie das Tempo mit dem wir unterwegs waren. Durch die vielen Trage- und Schiebepassagen waren wir mittlerweile 10 Stunden unterwegs und gute 50 Kilometer lagen noch vor uns.

Langsam kam aber auch ein Ende in Sicht, spätestens als wir wieder in den Nationalpark Sächsisch-Böhmische Schweiz einfuhren. Der Regen verstärkte sich zwar stetig und der Weg wurde auch nicht gerade besser, aber das reizvolle obere Kirnitzschtal entdeckte ich nun das erste Mal. Über Hinterhermsdorf erreichten wir schließlich wieder Deutschland und absolvierten die letzten kräftigen Anstiege um anschließend die 16 Kilometer lange asphaltierte Kirnitzschtal-Abfahrt zu genießen. Hier wurden sogar nochmal die letzten Energiereserven mobilisiert um den Schnitt etwas nach oben zu drücken 🙂

An der Elbe in Bad Schandau angekommen rollten wir zu guter letzt die verbleibenden Kilometer auf dem Elberadweg zurück nach Schmilka und wurden in einem finalen Sprint den Berg hinauf zur Schmilkaer Brauerei von einer Menge frenetisch jubelnder „Fans“ des Bavarian Bohemian-Teams in Empfang genommen.

Nach 198 Kilometern, 2.745 Höhenmetern, 9:33 Stunden Fahrtzeit und 12:09 Stunden verstrichener Zeit, freuten wir uns angesichts der überwundenen Strapazen umso mehr, sicher, gesund und ohne einen Defekt gemeinsam als Team im Ziel angekommen zu sein.

Keiner aus unserem Team hatte bisher eine so strapaziöse Tour absolviert, obwohl rein von den Daten her sie nicht sonderlich schwer erscheint. Aber 7 Stunden Regen in abwechselnder Intensität, halbstündlich wechselnder Untergrund mit Matsch, Wasser, Schlaglöchern und anderen Dingen auf die man Acht geben musste, nagen eben an der Kondition. Doch auch genau deshalb sind wir froh diese Erfahrung gemacht zu haben, die so ganz im Gegensatz zu den Touren steht, die man sonst selbst fährt.

Fazit: Unbedingt nachmachen, wenn Ihr die Chance dazu bekommen solltet!

GPS-Track

Bei GPSies könnt Ihr euch den Track ansehen und in verschiedenen GPS Formaten herunterladen. Einfach auf die untere Grafik klicken.

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